HORTUS – Wenn Bauen zu einem Akt kollektiver Verantwortung wird
Veröffentlicht am: 19. Januar 2026
Podiumsdiskussion Immo26, Oerlikon – 14. Januar 2026, 10:45 Uhr
Was wäre, wenn Gebäude künftig nicht mehr ein fragiler Kompromiss zwischen Ästhetik, Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit wären? Genau dieser Frage widmete sich das Panel rund um das Projekt HORTUS anlässlich der Immo26 in Oerlikon.
Am Podium diskutierten:
– Christian Carpaij, CEO Planeco GmbH
– Alexander Franz, Associate & Lead Sustainable Projects, Herzog & de Meuron
– Dr. Julia Selberherr, Partnerin, Wüest Partner AG
Moderation: Patrick Horka, Leiter Entwicklung erneuerbare Energien, IWB
Die Diskussion machte deutlich: HORTUS ist weit mehr als ein architektonisches Projekt.
Arbeiten neu denken: ein Paradigmenwechsel
HORTUS steht für eine umfassendere Reflexion darüber, wie wir künftig arbeiten, produzieren und Gebäude nutzen. Immobilienentwicklung, Materialinnovation und integrierte Energielösungen greifen hier ineinander, um ein Bürogebäude zu schaffen, das gleichzeitig effizient, attraktiv und nachhaltig ist.
Das Projekt basiert auf Erfahrungen aus dem Senn Science Park in der Region Basel. Auf einem ursprünglich 75’000 m² grossen Areal – einst ein «No Man’s Land» – entstand ein Standort für die Biosciences mit hohen Anforderungen an Erreichbarkeit und Leistungsfähigkeit. Diese Ausgangslage eröffnete Raum für neue Denkansätze.
Architektur als Konsequenz klarer Rahmenbedingungen
Ein zentraler Erfolgsfaktor liegt im klar definierten Rahmen: Der Bauherr Senn hat Nachhaltigkeit ins Zentrum gestellt und gleichzeitig den Planenden grosse Freiheiten gelassen. Die energetischen Anforderungen wurden so nicht als Einschränkung, sondern als gestaltendes Element verstanden.
Zu den definierten Zielen gehörten:
- Energieautonomie, idealerweise mit positiver Energiebilanz durch Photovoltaik
- Amortisation der grauen Energie innerhalb einer Generation (ca. 30 Jahre)
- CO₂-Emissionen unterhalb der SIA-Richtwerte
Der methodische Ansatz ist konsequent: vom Detail zum Gesamtsystem. Jedes Bauteil, jedes Material und jede Verbindung wird analysiert – mit dem Ziel, über kumulative Effekte ein optimiertes Gesamtergebnis zu erreichen. Eine systemische und zugleich präzise Herangehensweise.
Zirkularität, Materialien und Nutzerkomfort
HORTUS geht über reine Energieoptimierung hinaus und integriert Prinzipien der Kreislaufwirtschaft konsequent in die Materialwahl.
Erneuerbares Holz, Lehm, Geothermie zur Kühlung und Solarstrom bilden ein geschlossenes System.
Ein besonders prägnantes Beispiel:
Eine Lehmbeton-Decke auf Holzstruktur verursacht nur rund 10 % der Emissionen einer klassischen Beton- oder Stahlkonstruktion – bei vergleichbarer Tragfähigkeit. Gleichzeitig verbessert sie den akustischen Komfort deutlich.
Die gewählten Prinzipien sind klar:
– Minimierung des Energieeintrags ins Gebäude
– Verzicht auf Aluminium
– Einsatz möglichst dünner Verglasungen
Entscheidend bleibt jedoch der langfristige Betrieb: Die Nachhaltigkeit eines Gebäudes hängt ebenso stark von Eigentümern, Betreibern und Nutzern ab. Sie wird damit zur gemeinsamen Verantwortung.
Photovoltaik im grossen Massstab
Ein zentrales Element des Projekts ist die aussergewöhnlich dimensionierte Photovoltaikanlage:
– 500’000 m² Solarpanels auf Dach- und Fassadenflächen
– Energieproduktion von 2,5-fachem Eigenbedarf
– rund 40 % Energieüberschuss zur Kompensation grauer Energie und Einspeisung ins Netz
Die freie Gebäudelage ermöglichte eine optimale Nutzung aller Fassaden und Dachflächen. Präzise Simulationen bestimmten die ideale Platzierung der Module je nach Orientierung.
Während Batteriespeicher aktuell noch geprüft werden, eröffnen Eigenverbrauchsmodelle und lokale Energiegemeinschaften bereits heute konkrete Perspektiven für Gemeinden – von Versorgungssicherheit bis hin zu neuen Einnahmequellen ab 2026.
„Green Value“ und die Zukunft von Immobilieninvestitionen
Auch die Frage der Marktwertentwicklung wurde diskutiert, insbesondere aus Sicht von Wüest Partner.
Die Bewertung des «Green Value» bleibt aktuell anspruchsvoll – aufgrund fehlender Vergleichsdaten und begrenzter Markterfahrung. Dennoch zeichnen sich klare Trends ab: Nachhaltigkeit beeinflusst bereits heute Cashflows, Diskontierungssätze und Investitionsentscheidungen.
In einem Zeithorizont von fünf Jahren werden Faktoren wie Zirkularität und graue Energie – nach der Lage – deutlich stärker gewichtet. Befragungen unter Investoren bestätigen diese Entwicklung.
Ein überzeugender Realitätscheck
HORTUS zeigt, dass sich Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und architektonischer Anspruch verbinden lassen.
Jede eingesparte Kilowattstunde grauer Energie ist eine vermiedene Belastung – eine einfache, aber wirkungsvolle Erkenntnis.
Dieses Projekt bleibt nicht bei Visionen stehen: Es setzt sie bereits heute um – mit Klarheit, Konsequenz und einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit.
Artikel erstellt von Signa-Terre